1. FC Köln: Das System von Stale Solbakken


Auch wenn es schon den ein oder anderen Blog zu der Taktik von Stale Solbakken geben mag, möchte ich trotzdem auch selber nochmal meinen Senf dazu geben und meine ganz persönliche Sicht auf die Dinge darlegen. Ich bin bei weitem kein Taktik-Experte, da gibt es mit großer Sicherheit andere, die in dem ein oder anderen Bereich dieses Themas deutlich tiefgründiger werden gehen können. Vielleicht werde ich auch das ein oder andere vielleicht auch selber falsch verstanden haben, aber dies hier ist ein Versuch der Aanalyse anhand der Spiele und Trainingseinheiten, die ich in diesem Jahr gesehen habe.

Zu Beginn seiner Amtszeit griff die Kölner Presse besonders gerne die taktischen Vorlieben Solbakkens auf, gingen dabei aber natürlich nicht tiefer in die Materie und ließen dabei (klar, ist halt Boulevard) natürlich auch außen vor zu warnen, dass das einstudieren des System auch seine Zeit brauch und das Misserfolge zu Beginn zu erwarten sind.

Seine Grundformation ist das klassische 4-4-2, das in der Defensive, wenn man so will zu einer Art 4-6-0 oder 4-5-1 und in der offensiven Bewegung zum 2-4-4 wird.

Grundaufstellung:

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Defensive Grundausrichtung:

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Offensive Grundausrichtung:

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Die beiden Viererketten bilden ein extrem enges Netz und auch die Stürmer rücken in der defensiven Ausrichtung ein ums andere Mal in die Mittelfeldreihe mit ein. So steht die Mittelfeld-Reihe zum Beispiel, verglichen mit einer normalen Spielweise, relativ normal kurz vor/nach der Mittellinie. Die Abwehrreihe dagegen rückt relativ nah heran und steht unglaublich hoch. Teilweise kommt es zu Situationen, wo die Viererkette quasi schon an der Mittellinie kratzt und deswegen ist es wichtig, dass jeder seine Aufgabe kennt und auch ordentlich ausführt, eine Schwachstelle kann das ganze System auseinanderreißen.

Hier sind wir auch gleich an einem Punkt angelangt, wo vielleicht der Unterschied zu vielen anderen Systemen liegt. Während viele andere System andere Schwachstellen hin und wieder gut auffangen können, ist es auf Grund der enormen Höhe der Abwehrreihe nahezu unverzeilich, große Fehler zu machen. Gegen Wolfsburg, Schalke und auch phasenweise gegen den HSV hat man dies sehen können. Leider hatten wir Fcler wohl auch das Pech, gerade an den ersten Spielagen Gegner zu bekommen, die die individuelle Klasse haben, dies auch ausnutzen zu können.

Warum ist dieses hohe stehen für Angriffssituationen sehr geeignet? Ganz einfach, weil in beinahe direkter Tornähe schon enormer Druck auf den Ball ausgübt wird. Gewinnt man den Ball in der gegnerischen Hälfte müssen nicht erst noch Spieler nachrücken, quasi sechs Leute (Novakovic, Podolski, Peszko, Chihi, Riether, Lanig) sind direkt am Ort des Geschehens und können gegen einen ungeordneten Gegner Angriffe fahren. Hinzu kommen die im System von Solbakken sehr offensiv geprägten Außenverteidiger, die sich auch in Windeseile in die Offensive einschalten können.

Wird der Ball nach einem offensiven Vorstoß verloren gilt es sofort wieder auf seine Position zu kommen und das Netz zu bilden. Wer desöfteren beim Training ist, der sieht wie Stale das auch immr wieder einüben lässt. Offensive Vorstöße und das direkte Orientieren auf die Ausgangsposition stand in den ersten Traininingstagen am Geißbockheim fast täglich auf dem Programm. Auch jetzt noch findet diese Einheit an vielen Tagen in der Woche ihren Platz im Trainingsprogramm. Den Spielern scheint dieses Training zu gefallen, kommen sie so oft mit dem Ball in Kontakt. Ich meine auch ausgemacht zu haben, dass die reinen Taktikübungen (ohne Ball) vom Team viel besser und intensiver angenommen werden, ganz einfach weil sie wissen, dass sie es brauchen werden. Niemand wird im Training gerne vor versammelter Mannschaft, Medien und Fans angeraunzt – und dieses Raunzen hat Solbakken drauf, Chihi hat es das ein oder andere Mal erleben dürfen zu Beginn.

Wann ist das hohe Stehen eher schlecht und woran richtet sich die Höhe? Wie hoch der FC insgesamt stehen wird, hängt meiner Meinung nach in erster Linie von zwei Faktoren ab.
– Wie schnell sind die beiden offensiven Außenspieler des Gegners im Vergleich zu unseren defensiven Außenspielern und
– was für eine Qualität haben die Diagonalpässe der gegnerischen Außenverteidiger und Sechser.

Gegen Bayern und deren Robbery, sollten sie denn auch mal beide spielen, würde das hohe Stehen wohl tödlich sein, da werden wir defensiver agieren müssen, ganze einfach, weil Brecko und Andrezinho und auf der anderen Seite Eichner und Jemal die Grundschnelligkeit fehlt.

Die Arbeit in Stales System beginnt im Grunde schon bei den Stürmern, denn Nova und Podolski sollen stets die Kölner Sechser unterstützen und die ballführenden gegnerischen Sechser unter Druck setzen, damit die das Spiel nicht ordentlich aufziehen können. Am letzten Bundesliga-Wochenende hatten wir das Beispiel Son, der den Ball über die Kette gehoben bekam und Andrezinho blöd aussehen ließ. Es ist enorm wichtig, dass schon Podolski und Novakovic Druck ausüben. Das hat hier gefehlt und schon kassiert man ein Tor nach einem Stellungsfehler von Andrezinho.

Defensiv werden deswegen auch unter anderem schnelle Spieler verlangt, Geromel und Sereno, der übrigens trotz fehlender Spielpraxis ein sehr starkes Debüt gegeben hat, bringen das mit, Andrezinho, Eichner, Brecko und Co. werden hier einen großen Anteil an Sieg oder Niederlage haben, da muss das Stellungsspiel sitzen, da wie bereits oben erwähnt, die für diese taktische Ausrichtung eigentlich erforderliche Schnelligkeit nur bedingt vorhanden ist.

Ein weiteres besonderes Merkmal an Solbakkens System ist, dass das Spiel eher körperlos ist und das es eine Manndeckung quasi gar nicht gibt. Bei Solbakken wird in beinahe allen Fällen immer der Raum gedeckt. Die Außenbahnen werden bewusst etwas außen vor gelassen, was aber kein Problem ist, da die Viererketten in ihrer seitlichen Bewegung sehr schnell sind und man Bälle auf Außen sehr schnell zustellen kann und auch soll.

Die defensiven Außenspieler werden erst offen stehen gelassen, sobald aber der Ball durch die Innenverteidigung wandert, sollen Peszko (folgend im System „P“) und Chihi (folgend im System „C“) (je nach Seite des Ballverlaufs) den Passweg zu dem offensiven Außenspieler (o1) zustellen. Die defensiven Außen (o) sollen den Ball ruhig führen dürfen, denn man versucht tatsächlich, den Ball in das Zentrum zu bringen.

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— o ———— x ————— o —-
——- P —– x —– x —— C ——–
— o1 —————————— o1 —
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Jeder andere Trainer würde einem in seinem System wohl was anderes erzählen, das übliche Ball nach außen treiben und erobern gibt es unter Solbakken nur als Neben-Variante. Normalerweise versucht man ja gerade das Zentrum dicht zu halten. Im Zentrum aber soll dann die Balleroberung stattfinden, damit man dann ausfallartig über die Außen und die Mitte die Angriffe vorführen kann.

(1) Hier sind die beiden Sechser Riether und Lanig gefragt. Peszko und Chihi stellen den Weg nach außen zu, Poldi und Nova beschäftigen im besten Fall die Sechser. Was da zwangsläufig kommen muss, ist der Pass in die Mitte, in das Zentrum, wo der FC mit Riether, Lanig und hinten dran Geromel und Sereno agiert. Damit man aber auch diesen Pass erst gar nicht zulassen kann, fordert Stale von seinen Sechsern, dass sie die Lücke, die Peszko und Chihi reißen, wenn sie nach außen gehen, zustellen und somit die Gegner weiter hinten rein drängen, oder ganz einfach zu Fehlpässen und Unterzahlsituationen im Zentrum zwingen.

Deswegen auch meiner Meinung nach die Kapitänsentscheidung auf Geromel, da er das Spiel vor sich hat und gegebenfalls falsche Positionierungen auf allen Positionen erkennt. Lukas oder Nova würden das nicht.

Nochmal zusammengefasst:
1.Bei Pass auf rechten Innenverteidiger, Peszko stellt Passweg von rechts defensiv auf rechts offensiv zu
2.Viererkette offensiv bleibt in der Formation und rückt nur ein Stück weiter ein und folgt Peszko
3.Riether (folgend „R“ genannt) stellt Zentrum und Passweg in die Mitte zu
4.Einer der Stürmer (in unserem Beispiel Podolski (im folgenden „LP“ genannt) kippt ab und übernimmt quasi kurzzeitig 6er-Rolle von Riether, damit durch diese Lücke keine Pässe gespielt werden können.
5.Gegner wird zur Ballzirkulation oder Fehlpässen gezwungen. Ersteres bringt zwangsläufig zweiteres mit.

Im besten Fall sieht dass dan in der Grundaufstellung so aus:

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— o —————————— o —-
— P — R — LP —– x — C ———
— o1 —————————— o1 —
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Auf Michael Rensing kommt ebenfalls ein etwas neues Spiel zu, denn der Torwart muss hier ebenfalls mitspielen und äußerst hoch stehen, das kann zu Problemen führen, wenn Bälle in den Rücken der Abwehr kommen und der Torwart sich neu stellen muss. Das Ganze ist eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, da das Positionieren volle Konzentration bedarf und auch hier Fehler selten verziehen werden.

Insgesamt ist es ein enorm mannschaftliches Konzept. Es ist in nahezu jeder Situation wichtig, dass das komplette Team mitzieht und seine Aufgaben erfüllt. Ein stetiges warten auf Fehler des Gegners und das benutzen des Pressings in den richtigen Situationen. Große Rolle tragen hier Podolski und Novakovic, die dafür zuständig sind, die Sechser zu beackern und gleichzeitig quasi das Startsignal für das Pressing zu geben.

Sobald die sehen, dass ein Ball auf die Innenverteidiger, Außenspieler misslingt, Probleme bringt, dass ein Gegner komplett falsch steht, sind es die beiden, die das Pressing starten. Die offensive Viererkette dahinter muss dann mitziehen, passiert dies nicht, oder Poldovakovic pressen falsch, kommt es zu großen Lücken in der Zentrale und Platz für den Gegner. Wichtig bei den beiden ist auch das abkippen nach hinten.

Startet Poldi Druck auf den linken Innenverteidiger, kippt Novakovic ein wenig nach hinten ab und unterstützt die in einem klassischen 4-4-2 eher traditionell schwächere Defensive. Kommt der Ball auf den rechten Innenverteidiger geht Novakovic raus und Podolski kippt ab. Hier kommen wir dann auch nochmal zu dem Punkt, wo ich oben beschrieben habe, wie die Kölner Sechser rausrücken und die Position der nach außen gerückten Chihi/Peszko übernehmen und Podoslki oder Novakovic kurzzeitig die 6er-Rolle übernehmen. Ich markiere das einfach mal mit der (1). Ich hoffe man erkennt, dass das alles irgendwie miteinander zusammenhängt.

(2) Hierbei das Problem: Stürmer lauern und denken immer offensiv, da kann das abkippen schon mal drunter leiden. Hier wäre es vielleicht besser mit einem klassischen 10er zu spielen, aber da müsste der FC dann Podolski opfern und es geht ungemein viel offensive Qualität verloren.

Generell wird es beim FC in der Zukunft interessant zu sehen sein, wie sich Podolski und Novakovic in diesem System schlagen werden, beide Stürmer sind nicht gerade laufintensive Spieler, die können zwar, aber wollen irgendwie nicht immer. Ich vermute, dass Podolski in Zukunft viel öfter den Part des Stürmers übernehmen wird, der abkippen wird. Es ist aber noch schwer zu sagen, da wir beide noch kaum im Spiel haben zusammen spielen sehen, vor allem bisher noch in keinem Spiel, wo das System auch wirklich über einen längeren Zeitpunkt funktioniert hat.

Um weitere Feinheiten des System wiederzugeben, müsste man wohl noch etwas abwarten und schauen, wie sich das Ganze verhält. Wir alle wissen aber um die eher schwächere Defensivarbeit von Podolski und Novakovic, aber wissen auch, dass Podolski eher derjenige ist, der einen Ball erobert und was für mich wichtig ist: Novakovic ist vor dem Tor eine Garantie, Podolski kann einen Spielzug einleiten, weshalb ich mir schon vorstellen kann, dass Podolski die Vorgabe hat, öfter mal abzukippen und Nova das Pressing zu überlassen. Podolski spielt halt eher mal einen brauchbaren spielöffnenden Pass als Novakovic und brauch ganz generell das Feld vor sich.

Deswegen und das hatte ich oben ja auch schon mal beschrieben, wäre ein Zehner wohl die bessere Alternative, was die Spielausrichtung in diesem System angeht. Der Zehner würde wohl ein wenig defensiver denken und zwangsläufig öfter abkippen. Zudem könnte der das Spiel wohl noch besser öffnen. Andererseits ist ein zweiter Stürmer, vor allem, wenn es Podolski ist, wohl auch unverzichtbar. Lässt sich Podolski also von Solbakken noch etwas erziehen und lässt er sich auch mal ein wenig in ein taktisches System einbringen, dann ist das auch eine sehr gute Lösung.

Wer glaubt, dass das System relativ stur ist und quasi kaum Variationen bietet, dem sei noch mal ein Blick auf das HSV-Spiel an die Brust gelegt. Solbakken holt sich Veränderungen nicht unbedingt über taktische Anpassungen, sondern das einsetzen von Spielern auf anderen Positionen. Ein Riether im DM lässt andere Möglichkeiten zu als ein Riether im RM oder als LV. Jajalo zentral bringt andere Qualitäten als ein Podolski hängend. Siehe den oben angeführten Punkt mit dem abkippen (2). usw.

Offensiv, da beiße ich mir noch etwas die Zähne aus, wie es in der Grundausrichtung aussehen soll, das war gegen Kaiseslautern un den HSV teilweise zu erahnen, da Solbakken allerdings ein Freund davon ist, zuerst die Defensive zu beackern und dann in die offensive Ausrichtung zu gehen, müssen wir uns hier wohl noch etwas gedulden, bis wir klar aufzeichnen können, wie das Kölner Offensivspiel aussehen soll.

Ich hoffe, ich konnte dem ein oder anderen mit meinen Ausführungen das ein oder andere erklären. Für Kritik immer offen 😉

Von Christian Wolfsdorf

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