Das DFB-Phänomen Lukas Podolski


Lukas Podolski ist wahrlich ein gestandener Nationalspieler. 93 Länderspieleinsätze, 43 Tore, 24 Torvorbereitungen. Mit 26 Jahren bereits je zwei Welt- und Europameisterschaften auf dem Buckel. Zahlen, die eine erfolgreiche Nationalmannschaftskarriere unweigerlich bestätigen, doch der Sockel, auf dem der einstige Liebling der deutschen Fans steht, beginnt so langsam zu bröckeln.

Die Lobeshymnen auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft befinden sich derzeit nach dem überzeugenden EM-Qualifikationssieg gegen die Türkei auf dem Höhepunkt. Ein Name kommt dabei im Gegensatz zur Vergangenheit immer wieder nur am Rande vor: Lukas Podolski. Der gebürtige Pole spielte sich einst als „Spaß-Poldi“ an der Seite von Kumpel „Schweini“ in die Herzen der Fans. Tore lieferte der Kölner wie am Fließband, Vorlagen rutschten ihm wie nichts vom Schlappen. Eine Erfolgsstory, deren Ende noch gesucht wird, zwei mögliche Wege zeichnen sich ab.

Wohlfühloase Nationalmannschaft – Schauderplatz Bundesliga

Seit geraumer Zeit entwickelt sich für Podolski die einstige Wohlfühloase Nationalmannschaft zur Konfrontationszone mit den eigenen Ansprüchen. Zu seinen schweren Bayern-Zeiten war der Kölner Fan-Liebling immer wieder froh, bei der Nationalmannschaft sein Können unter Beweis zu stellen, eine Frischzellenkur, die seine Vereinstrainer immer wieder in die pure Verzweiflung treiben ließ. Besonders die Bayern-Verantwortlichen um Ex-Manager Uli Hoeneß waren immer wieder genervt von den Forderungen ihres Stürmers nach mehr Spielzeit. Die Leistungen in der DFB-Elf immer wieder ein Schlag ins Gesicht.

Warum in der Nationalmannschaft aber nicht im Verein? Eine Frage, über die Experten und Beobachter wahrscheinlich tagelang ununterbrochen diskutieren könnten, doch eine Antwort auf diese Frage wird wohl selbst Lukas Podolski nicht parat haben. Auch nach seiner Rückkehr zum 1. FC Köln schauderte es den nach dem Wohlfühlumfeld strebenden Podolski vor dem Bundesliga-Alltag. Kaum bei Löw und der Nationalmannschaft angekommen, war der alte „Poldi“ wieder da.

Es sind besonders die Zahlen, die Podolskis auch schon damals nicht kritikfreie Karriere auf ein besonderes Level heben. Zur gefühlten Hälfte seiner aktiven Laufbahn peilt der Bergheimer Junge sein 100. Länderspiel an und darf sich in der ewigen Torschützenliste in der Top-Ten wiederfinden. Doch auch hier findet sich dieser imense Kontrast zwischen Bundesliga und Nationalmannschaft wieder.
Für die Bayern brachte es Podolski auf 26 Tore in 106 Spielen. Zur gleichen Zeit seiner Karriere erzielte Podolski mit gerade einmal 23 Jahren als jüngster deutscher Spieler überhaupt sein 30. Länderspieltor, nur ganze sechs Spieler vor ihm erreichten diese Marke früher. Damit reiht sich Podolski in eine Reihe von nahmhaften Leuten wie Pelé, Ronaldo und Ferenc Puskás ein.

Entweder Bundesliga oder Nationalmannschaft: Einer leidet immer!

Umso erstaunlicher ist, was sich derzeit um den 26-jährigen abspielt. Ex-FC-Trainer Frank Schaefer gab Lukas Podolski das Vertrauen nun auch in der Bundesliga. Endlich das Vertrauen, dieses Wohlfühlen, diesen grenzenlosen, bedingungslosen Rückhalt, den Podolski unbedingt brauch, um seine Leistung abzurufen. Es folgten eine ordentliche Hinrunde, eine starke Rückrunde unter Frank Schaefer und ein bärenstarker Saisonauftakt unter Bundesliga-Neuling Stale Solbakken.

Die gute Laune war endlich auch im Alltag wieder da, doch die Weste ist nicht so blütenrein, wie sie zu sein scheint. Die Weltmeisterschaft 2010 und die folgende EM-Qualifikation zeigten überwiegend ein Bild von Podolski, das man aus der Nationalmannschaft nur von anderen Spielern kannte. Der einstige „Spaß-Poldi“, längst zum „Herrn Podolski“ gereift, brachte Leistungen aus der Konserve.

Die Leidenschaft, die Spielfreude, die Laufbereitsschaft in der Offensive, der unbedingte Wille dem Team unter die Arme zu greifen war verflogen. Während sich die Mannschaft immer weiterentwickelte und Spieler wie Thomas Müller, Mesut Özil und sein alter Kumpel Bastian Schweinsteiger das Spiel der Elf auf ein anderes Level hoben, wirkt Podolski mit seinen spielerisch limitierten Mitteln, die zweifelsohne hervorragend sind, wie ein Relikt aus alten Zeiten.

Ein Relikt mit großen Qualitäten – Bedingungslose Loyalität!

Doch auch das Relikt Podolski hat durchaus seine Qualitäten, die diese Nationalmannschaft unbedingt brauch. Die Umgestaltung zum „Hochgeschwindigkeitsfußball“ hat in der Nationalmannschaft schon lange Einzug erhalten, Spieler wie Jungstar Mario Götze, Toni Kroos und Mesut Özil sollen das spielerische Gesicht der Mannschaft werden. Eine Truppe, die für ihr ziemlich junges Alter schon relativ gestanden daherkommt, taktisch bestens geschult ist und sich mit ihren Fähigkeiten am Ball sicherlich nicht vor der großen internationalen Konkurrenz verstecken brauch.

Joachim Löw weiß aber auch ganz genau, was er an Lukas Podolski hat. Der Kölner hat ihn bei den großen Turnieren nie enttäuscht, war in der Vergangenheit dann zur Stelle, wenn es bei den anderen mal nicht so lief. Seine Tore hat er immer gemacht, seine Vorlagen hat er auch gesammelt. Die linke Klebe in der Weltspitze beinahe einmalig, zur Not bolzt er den Torwart gleich mit in die Maschen. Selbst in der Defensivarbeit hat sich Podolski in den eigenen Hintern getreten und sich deutlich gesteigert. Seit der WM 2010 aber kommen seine Stärken immer seltener zum Vorschein.

Kurze Schwächephasen hatte Lukas Podolski in der Nationalmannschaft schon immer, auch die Kritik an ihm ist so alt wie das Rad, doch die Rückendeckung durch Bundestrainer Jogi Löw und dem Rest des Teams konnte sich Podolski immer gewiss sein, selbst als er den Ballack-Abgesang mit einer gepefferten Backpfeife im Spiel gegen Wales einleitete. Der Bundestrainer hat sich schon immer vor seine Spieler gestellt, besonders wenn sie loyal sind – ein Punkt der für Podolski als eine Ehrensache erscheint.

Wie lange hält die Loyalität? Die Konkurrenz steht in den Startlöchern!Doch wie lange hält diese Loyalität an? Wie lange kann der Bundestrainer einen schwächelnden, aber in der Bundesliga Top-Leistungen bringenden verdienten Nationalspieler durchziehen? Der Zeitpunkt einer Ablösung scheint auf den ersten Blick nahe, doch bei genauer Betrachtung liegt dieser wohl noch weit weg. Der Gladbacher Marco Reus wird von Löw eher auf der rechten Seite eingeplant, Mario Götze sieht er in der Zentrale. Allein dadurch räumt Löw gleich von vornherein zwei potentielle Nachfolger aus dem Verkehr. Vorerst!

Bleibt also noch André Schürrle. Der ehemalige Mainzer und jetzige Leverkusener spielte sich in nur einer Saison in die Notizbücher der großen Klubs, auch in der Nationalmannschaft debütierte Schürrle, fand sich schnell zurecht. Sein Spiel wirkt oft noch deutlich überzogen, die letzte Aufregung hat der Flügelflitzer noch nicht abgelegt. Laufwege werden falsch gewählt, Abschlüsse oft überhastet gesucht, aber gewisse Stärken kann der Bayer-Akteur vorweisen: Gefährlichkeit und Tore. Gleich vier Buden konnte Schürrle in seinen ersten acht Länderspielen erzielen, immer wieder setzte er sich gefährlich in Szene.

Beinahe wirkt Schürrle wie eine Kopie von Lukas Podolski aus den Anfangszeiten des Kölners. Spielerisch nicht immer dabei, in der Bundesliga bei Bayer Leverkusen vergleichsweise schwach unterwegs, aber brandgefährlich und immer für ein Tor gut. Ein Punkt an den der Kölner auch wieder anschließen will, das seine Leistungen im letzten Jahr nicht ausreichend waren, das weiß er selber.

Podolski oder Schürrle? Der Gewinner ist die Mannschaft!

Bringt Podolski es wieder zu alter Stärke, dürfte vorerst kein Weg an ihm vorbeiführen. Die Liste der Konkurrenten, die er bereits aus dem Weg geräumt hat ist lang. Marcell Jansen, Piotr Trochowski, Marko Marin, sie alle haben immer wieder Ansprüche gestellt, doch gespielt hat am Ende einer: Lukas Podolski. Der Bundestrainer jedenfalls ist froh über den Konkurrenzkampf, der nach langer Zeit nun auch Podolski dazu zwingt, Schwächephasen möglichst zu vermeiden.

Für den Kölner Liebling wird die neue Konkurrenzsituation zu einer echten Charakterprobe. Er weiß, was er für das Team schon alles geleistet hat und was er noch zu leisten imstande ist, doch das sind die Lorbeeren der Vergangenheit. Und die welken schnell.

Für die Nationalmannschaft ist die ganze Situation eine Win-Win-Situation, sollten beide fit bleiben und regelmäßig ihre Leistung abrufen. Podolski als Starter und ein Schürrle mit ähnlichen Qualitäten, der von der Bank kommt – ein Graus für die Konkurrenz, die pure Freude für Jogi Löw, aber am Ende ist eh alles gleichgültig, denn wie sagt man in Köln: „Et hät noch immer joot jejange“

Von Christian Wolfsdorf

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