Fünf Monate Solbakken – Ein erster Rückblick


Der 1. FC Köln auf dem Weg zu alten Ruhm und als deutscher Vorreiter? Ein wenig sah es in der Vorbereitung mit einem Augenzwinkern so aus, doch mal langsam mit den jungen FC-Geißböcken. Immerhin scheint sich beim 1. FC Köln so etwas wie ein neues Traumpaar im deutschen Fußball entwickeln zu können. Ähnlich wie Thomas Schaaf und Klaus Allofs bei Werder Bremen wirken Ståle Solbakken und Volker Finke wie eine deutlich modernere Variante des ehemals sehr erfolgreichen Werder-Duos.

Schon nach wenigen Trainingseinheiten und gemeinsamen Tagen war eines mal deutlich klar. Der Weg, den Volker Finke nach seinem Amtsantritt eingeschlagen hatte, wird konsequent gegangen und fand erst durch Ståle Solbakken den richtigen Halt. Zwei Männer die in Verbindung mit Claus Horstmann und den neu gestalteten Strukturen das Kölner Umfeld ordentlich umpflügen. Und Solbakken ist trotz des Kölner Feuerstuhls auf dem er sitzt nicht zu verbiegen, wirbelt die allseits bekannten deutsche Trainingsmethoden ordentlich durch und freundet sich mittlerweile sogar mit Fans und Presse an.

Training wie Barca und Co. – Was wird es bringen?

Dauerläufe und Medizinbälle schleppen sind auf den deutschen Trainingsgeländen in der Saisonvorbereitung gern gesehene Methoden, doch Solbakken stellte sich recht schnell als absoluter Anti-Magath heraus. Der Norweger orientiert sich an der Schule der ganz großen Klubs und hält von Kondition bolzen gar nichts, geschwitzt wird eher vor der Taktiktafel. Ähnlich wie Barca und Co. glaubt Solbakken an die Wunderwirkung des Trainings mit dem Ball. Die FC-Kicker sollen spielend auf höhere Ebenen gehoben werden und sich ganz nebenbei die nötige Kondition holen.

Die Bilder, die die Trainingskiebitze zu Beginn am Geißbockheim zu sehen bekamen sind dem regelmäßigen Beobachter völlig neu gewesen. Während der ehemalige „Messias“ Christoph Daum und der Defensivfanatiker Soldo auf lange Läufe schworen, sieht man bei Solbakken kaum eine Einheit, bei der die Spieler mehr als zehn Minuten am Stück laufen und ohne Ball arbeiten. Der Coach lässt sich viel Zeit um seinen Spieler penibelst genau das taktische Verhalten mit und ohne Ballbesitz zu erklären. Rund eine halbe Stunde nahm sich der Norweger an machen Tagen Zeit, um mit den Spielern eine Art Rasenschach zu spielen.

Solbakken positionierte die Spieler anhand ihrer Positionen auf dem Spielfeld, rannte von Position zu Position und erklärte ausführlich, wie man sich zu bewegen hat. Immer wieder rief der 42-jährige laut „Stopp“ und erklärte in verständlichem deutsch, was falsch gelaufen ist. Bei den Spielern bekam das Training viel Lob. „Er hat uns die taktischen Vorstellungen nähergebracht, wie er es sich vorstellt, wie wir spielen sollen. Das müssen wir natürlich erst alles verinnerlichen, aber der erste Eindruck ist sehr gut“, zog Martin Lanig nach dem Trainingslager eine positive Bilanz. „Man sieht, dass sie viel Erfahrung haben und sie wissen, was sie wollen. Sie fordern ihr Spiel und das gefällt mir.“, erklärte Neuzugang Mato Jajalo.

Finke und Solbakken – Das Anti-Köln-Duo

Und nicht nur auf dem Platz sorgt Ståle Solbakken aktuell für eine Art Revolution beim schwer zu coachenden 1. FC Köln . Über Jahre haben sich die Fans an Klüngel, schlechte Kaderplanung und ein aufgewühltes Umfeld gewöhnt. Volker Finke und der Norweger wirken in diesem Kölner Trubel ungewöhnlich erfrischend und irgendwie Anti-Köln. Wo andere ehemalige Vereinsverantwortliche schon nach wenigen Wochen einen schweren Stand bei den Fans hatten und eine Mischung aus eigenem Ding und Fans zufriedenstellen finden mussten, geht der Norweger konsequent seinen Weg.

Schon vor seinem ersten Training gab es erste Boulevardmeldungen, die Solbakken in die Ecke drängen sollten. Erst vier Tage nach dem offiziellen Trainingstart kehrte Solbakken aus seinem Urlaub zurück. Was viele dabei unterschlagen hatten? Diese vier Tage waren mit dem Verein abgesprochen, da die Saison in Dänemark rund vier Wochen später zu Ende gegangen war und der Norweger noch Termine wahrnehmen musste. Ungewöhnlich schnell aber ließen die Kölner Pressehäuser von Solbakken ab, auch weil sich der Coach relativ offensiv in der Presse äußerte und so die Kölner Fans direkt ansprach.

Nach der Entlassung von Manager Michael Meier war man sich damals ausnahmsweise mal komplett einig, ein Sportdirektor mit Erfahrung sollte her und die ramponierte Außendarstellung des 1. FC Köln  aufpolieren. Volker Finke kam und hatte genaue Vorstellungen vom neuen Team und Trainer. Mit Solbakken hat er genau das gefunden, was er gesucht hat. Der frühere Misserfolg des FCs hängt sicherlich auch eng beisammen mit der emotionalen Bindung am Verein von Verantwortlichen und Fans.

Gefehlt hat jahrelang der nüchterne Blick auf das Ganze, eine unemotionalisierte Herangehensweise an Strukturen und Personalentscheidungen. Solbakken und Finke kommen da ihre kölnfreie Vergangenheit nur zu Gute.

Vor der Saison: Köln düngt den Kader aus – Klamme FC-Kassen

Ein Problem konnten aber auch Solbakken und Finke nicht lösen – die klammen FC-Kassen. Die letzten Jahre haben den FC einiges gekostet. Christoph Daum und Michael Meier haben eine Menge Geld in den Sand gesetzt und teilweise Transferrechte für Spieler verkauft. Rund 31 Millionen Euro Schulden haben sich in den letzten Spielzeiten angesammelt, nun hat sich der FC, auch um konkurrenzfähig zu bleiben, selbst einen Sparkurs verordnet. Ein erstes Problem konnten Finke und Solbakken bereits nach wenigen Tagen lösen, der völlig aufgeblähte Kader hat urplötzlich wieder eine beinahe brauchbare Größe.

Ganze zehn Spieler, einige mit mehr, andere mit weniger und auch welche ohne Perspektive wurden verliehen oder verkauft. Darunter auch hoffnungsvolle Talente wie Stephan Salger und Taner Yalcin, aber allen voran Reinhold Yabo. Einsatzzeiten dürfen sich die Jungspunde nun bei anderen Vereinen holen, der FC lässt seine Talente nun nicht mehr auf der Bank schmoren, sondern verfährt mittlerweile wie zum Beispiel der große Rheinnachbar Bayer Leverkusen. Ausgebildet wird selbst, den Feinschliff dürfen sich die hoffnungsvollen Jungs dann woanders holen.

Andere Spieler wie Fabrice Ehret und Michael Gardawski wurden verkauft, für Thomas Kessler besitzt Eintracht Frankfurt eine Kaufoption. Die Kadernalyse haben Solbakken und Finke ziemlich genau und ausführlich vorgenommen, alles überflüssige muss, so hart es bei dem ein oder anderen klingen mag, raus. Besonders die üppigen Gehälter wie die von Fabrice Ehret, Manasseh Ishiaku und Kevin McKenna waren und sind es, die den FC vor der Saison arg im Handeln einschränkten.

Das frei gewordenen Geld versuchten Solbakken und Finke bestmöglichst zu investieren, dabei schracken sie auch nicht davor zurück, eine hohe Summe für einen einzigen Spieler auszugeben. Passte das Paket wie bei Sascha Riether vom VfL Wolfsburg, war der FC auch bereit eine relativ hohe Summe hinzublättern. Besondere Beachtung finden bei Solbakken derzeit Spieler, die eine gewisse Variabilität mitbringen. Da kaum Geld vorhanden ist um alle Lücken zu schließen, müssen Spieler wie Riether her, die nicht nur eine, sondern auch zwei oder gar drei Positionen bekleiden können.

Kapitäns-Debatte erschrack – aber Solbakken wuchs

Ruhe beim Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln war schon immer ein seltenes Gut, dass von Fans und Verantwortlichen in der Vergangenheit nur zu selten genossen und geschätzt wurde. In der Vorbereitung zur Bundesliga-Saison 2011/2012 begann eine kleine Revulution beim 1. FC Köln . Die Geißböcke machten mit positiven Schlagzeilen auf sich aufmerksam und gingen Problemen gekonnt aus dem Weg.

Rund zwei Wochen vor dem Start in die neue Bundesliga-Saison erschien beim FC allerdings wieder alles beim alten. Der Grund? Ein Fetzen Stoff erregte die Gemüter von Fans und Presse – Nur der FC bliebt (un)gewöhnlich ruhig.. Eigentlich behandeln wir gerade ein Thema, das im Kampf gegen den Abstieg so wichtig ist, wie die Preise der Getränke im VIP-Bereich. Nur im emotionalen Köln allerdings kann eine Diskussion über den Kapitän der neuen Saison solche Ausmaße erreichen, dass einem sogar das Kapitäns-Drama in der deutschen Nationalmannschaft wie ein gemütlicher Herbst-Spaziergang erscheint.

Lukas Podolski führte das Team als Kapitän in das Saisonfinale der vergangenen Saison und bleibt auch Kapitän in der neuen Bundesliga-Saison. So stellten sich die Fans und Beobachter die Sache vor, rechneten da aber noch nicht mit Neu-Coach Stale Solbakken. Der Norweger nahm Podolski in der Vorbereitung erstmal wieder die Binde ab und kommunizierte verständlich: „Ich habe von Beginn an gesagt, dass ich über das Kapitänsamt erst entscheide, wenn ich für einige Wochen mit dem ganzen Kader zusammengearbeitet habe und nicht nur die Spieler individuell besser kennengelernt habe, sondern auch das Mannschaftsgefüge“, sagte der Norweger im „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Die Kölner Medien sahen darin natürlich ein gefundenes Fressen und inszenierten den ersten Streit zwischen Publikumsliebling Lukas Podolski und Stale Solbakken. Probleme wurden herbeigeredet, die nur mit wirklich viel Fantasie wirklich zu erkennen waren.

Für viele stellte sich allerdings die Frage, war dieser Streit vorprogrammiert oder war er einfach zu verhindern? Baustellen wurden wieder aufgerissen, die schon längst geschlossen waren, so die Meinung vieler Fans. Lukas Podolski gilt als absoluter Liebling, als Aushängeschild des 1. FC Köln , das den Klub im letzten Jahr in sichere Bereiche führte, Sponsoren an Land zog und einfach ein „Gefühl“ nach außen vermittelt. Darf ein Bundesliga-Trainerneuling wie Stale Solbakken Podolski überhaupt die Binde nehmen?

Fakt ist: Stale Solbakken ist der Trainer des 1. FC Köln und wird an seinem Erfolg gemessen. Glaubt Solbakken, Podolski sei nicht die richtige Person für die Binde, ist es seine Aufgabe, nein seine Pflicht, diese an eine andere Stammkraft zu geben. Das mag für Fans zwar ein Tabu sein und die Medien anziehen wie ein totes Tier ein Rudel Hyänen, ist aber im Grunde ein völlig normaler Weg.

Solbakken gilt als harter Hund, der mit den Medien umgehen kann, die öffentlichen Diskussionen und die Bedürfnisse der Fans versteht und akzeptiert, aber nicht als jemand, der dem Druck von Außen nachgibt. Der Norweger nimmt sich das Recht heraus, als Trainer alles selber zu entscheiden, eigentlich Alltag sollte man meinen, in Köln noch immer eine ungewohnte Situation. Solbakken gilt aber nicht nur als jemand, der alles nach seiner Nase erledigt, sondern auch als jemand, der am Ende die volle Verantwortung übernimmt. Eine Eigenschaft, die Solbakken ausmacht und in diesem Punkt gestärkt hat. Die Bild und Co. begannen die Hetzjagd und versuchen noch heute kleine Strohfeuer zu legen, aber ohne Erfolg. Die Leistung der Mannschaft, das Auftreten in einer Gruppe und die Explosion von Lukas Podolski geben dem Norweger recht. Solbakken hat sich gestellt und an Profil gewonnen.

Saisonstart geht in die Hose: einer von neun

Der lang ersehnte Neustart sollte dann ersteinmal für Ernüchterung sorgen, die von Solbakken und Finke prognostizierten zehn Spiele Eingewöhnungsphase sollten wohl tatsächlich Wahrheit werden. Ein 0:3 nach katastrophaler Leistung gegen Wolfsburg und ein 1:5 nach viertklassiger zweiten Halbzeit machten den Fehlstart perfekt. Auch der Punkt gegen Kaiserslautern bei einem ordentlichen Spiel konnten die nun festgefahrene Berichterstattung der Medien nicht mehr aufhalten. Solbakken bekam von allen Seiten die volle Breitseite ab. Fans und Medien schossen sich auf ihn ein, die so genannten Experten sahen ihn als erste Trainerentlassung der Saison.

Für eine Kölner Mannschaft ungewöhnlichen Rückhalt zeigten aber die Spieler, die von der Arbeit Solbakkens überzeugt waren. Die sonst so in etliche Gruppen gespaltene Mannschaft erkannte, das es nur zusammen geht und das es der Trainer nur gut mit ihnen meinte. Das neue System, die völlig unbekannte Taktik von Solbakken machte dem Team aber noch Probleme. Der Norweger aber zeigte Stärke und Größe, sah ein, dass er zu Beginn vom Team einfach zu viel gewollt hatte. Er stellte seinen Plan um und kam den Spielern ein Stück entgegen. Gerade diese Art macht den Menschen und Trainer Solbakken so besonders – auch die Spieler registrierten das. Ein steinharter Kerl, der wenn nötig auch den Kumpeltyp raushängen lassen kann.

Auch die äußerst kommunikative Art hat er seinen Vorgängern voraus. Frank Schaefer war das Mediengebilde in Köln nie ganz geheuer, Zvonimir Soldo sprach mehr mit seiner Nachttischlampe als mit den Spielern und Daum war ein Selbstdarsteller der obersten Klasse. Solbakken gelang es innerhalb von kürzester Zeit einen Draht zu jedem Spieler aufzubauen, die regelmäßigen Gespräche mit jedem einzelnen finden beim Team großen Anklang.

Die Wende in Hamburg, der Knaller in Leverkusen: 12 aus 18

Die große Wende nach dem katastrophalen Start sollte schnell kommen, nach zweimaligem Rückstand kam der FC eindrucksvoll zurück und watschte den selbst kriselnden Hamburger SV mit 4:3 ab. Erstmals war das neue Konzept von Stale Solbakken richtig zu erkennen. Defensiv sicher stehen und vorne die Dinger nutzen, besonders „Matchwinner“ (Zitat Stale Solbakken) Lukas Podolski sollte hier noch zu einer Hauptrolle kommen.

Nach dem kleinen Rückschlag in Nürnberg folgten zwei außergewöhnlich eindrucksvoll und konsequent geführte Spiele gegen Bayer 04 Leverkusen und die TSG 1899 Hoffenheim. Die von vielen Verletzungen geplagte Defensive war stark unterwegs, ganze sechs zugelassene größere Chancen bei nur einem Gegentor in zwei Spielen sprechen eine deutliche Sprache. In der Offensive wirbelten Lukas Podolski und Milivoje Novakovic die Abwehrreihen durcheinander. Mato Jajalo und Sascha Riether bildeten ein starkes Duo in der Zentrale.

Doch auch die Neuzugange Henrique Sereno und Ammer Jemal waren es, die den Geißböcken die nötige Stabilität brachten. Solbakken und Finke mussten vor der Saison reagieren. Sie haben Ruhe bewahrt und zwei echte Verstärkungen verpflichtet. Sowohl Sereno als auch Jemal fügten sich stark ein. Nach einem 0:3 in Berlin durch drei individuelle Fehler von Andrezinho folgte der nächste Teil der Podolski-Festspiele. Ein Doppelpack gegen Hannover 96 besiegelte den zweitbesten Saisonstart seit dem Wiederaufstieg, das Potential für eine ruhige Saison ist vorhanden.

Es scheint, als haben sich in Finke und Solbakken zwei Pole gefunden, die sich deutlich anziehen. Ihre bisherige Aufgabe kann man nur positiv sehen und jeder in der Bundesliga sollte mindestens mit einem Auge ein wenig interessiert Richtung Domstadt schielen. Am Ende ist es aber wie so oft, die Ergebnisse müssen stimmen – derzeit tun sie es.

Von Christian Wolfsdorf

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